Leben

Büro und Zuhause: Dritte Orte bieten Raum für Entschleunigung

von Dr. Kai Kaufmann

Sogenannte dritte Orte zwischen dem Zuhause und der Arbeit bieten Gemeinschaft, Auszeit, Inspiration. Sie werden zunehmend Bestandteil der Gesellschaft.

Eine Frau genießt ihren Kaffee, während sie in einem Café auf ihren Laptop schaut.
Das Café als Ort der Begegnung, Arbeit und Entspannung. Sogenannte dritte Orte sind das Bindeglied zwischen Zuhause und Arbeitsstätte. Foto: Shutterstock / Alexander_Borisenko

Das erfahren Sie gleich:

  • Was neue dritte Orte zwischen Berlin und Tokio können
  • Weshalb Third Places mehr Entschleunigung und weniger Stress bedeuten
  • Wie Orte des Transits das mobile Leben verändern

Ein guter Riecher für Kaffee ist sicher nicht, was hinter dem Erfolg von Starbucks und Howard Schultz steckt. Als der CEO im Sommer 2018 nach 36 Jahren seinen Posten räumte, waren seine Kaffeehäuser längst nicht mehr nur Symbol der Globalisierung, sondern zu einem Teil des täglichen Lebens von Millionen Menschen in über 70 Ländern geworden.

Lesen Sie auch

Ladestation

aio-Empfehlung

Unter Strom! Mobilität wird elektrisch

Seinen Erfolg brachte er einmal auf folgende Formel: "Unsere Gäste weltweit betrachten die Starbucks Coffee Houses als ihr drittes Zuhause, eine Oase zwischen Heim und Arbeitsplatz, wo man sich mit Freunden trifft."

"Zwischenorte" ersetzen stationäres Arbeiten

"Drittes Zuhause", "dritte Orte"­ oder "third Places" – diese Begriffe beschreiben ein modernes Konzept, das weit über das Modell von Starbucks hinausgeht. Am Ende des zweiten Jahrzehnts unseres Millenniums wird deutlich: Mehr denn je gehören sogenannte "Zwischenorte" als Arbeitsorte zu unserem mobilen, digitalen und globalen Leben. Und es wird deutlich, wie sehr sich diese Orte verändern werden.

Neben dem klassischen Büro und dem immer beliebteren Home Office gibt es schon jetzt unzählige neue Formen von "Zwischenorten" des mobilen, digitalen Lebens und Arbeitens. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Immer stärker wird sich das stationäre Arbeiten aus den Unternehmen auf wechselnde soziale Räume und Orte der Stadt verlagern.

Soziologe definiert "dritten Ort" erstmals bereits 1989

Das Konzept des "dritten Ortes" geht zurück auf den US-Soziologen Ray Oldenburg. Im Jahr 1989 kategorisierte er unsere Lebensräume in drei Orte.

Neben dem Zuhause als ersten Ort und dem Arbeitsplatz als zweiten Ort bezeichnet Oldenburg öffentliche oder halb-öffentliche Räume der Begegnung als dritte Orte, die für das Funktionieren einer Gesellschaft bedeutend sind: Bahnhöfe, Flughäfen, Museen, Buchläden, Kulturstätten, Sportarenen, aber eben auch Geschäfte oder Gastronomie.

Auf einer Mauer im Grünen sitzt ein Mann und tippt auf seinem Smartphone. Neben ihm ein Coffee-to-go.
Die Grenzen zwischen Frei- und Arbeitszeit werden immer durchlässiger. Dritte Orte bieten Raum für beides gleichzeitig. Foto: Shutterstock / MIND AND I

Dritter Ort: Ort der Begegnung und Inklusion

Anders als in Oldenburgs Konzept geht es bei Starbucks nicht um Begegnung und Inklusion unabhängig von Einkommen, Hautfarbe oder sozialem Status.

Starbucks: Kunden sind Requisiten

In den Filialen des Heißgetränkkonzerns seien die mit Laptops, Tablets und Smartphones ausgerüsteten Kunden selbst willkommene Requisiten. Mit ihrem geschäftigen Getippe zeichnen sie das Café als dritten Ort des mobilen Arbeitens aus.

Für einen Kaffee zahlen Kunden hier im Schnitt fünf bis sieben Euro. Sie möchten Teil der Starbucks-Gemeinschaft sein. Sie möchten zeigen 'Ich kann es mir leisten, das ist es mir wert'.

Olivier de Mendez, Starbucks-Geschäftsführer Frankreich, in der ARTE-Dokumentation "Starbucks ungefiltert"

All dies hätte sich Oldenburg 1989 vermutlich nicht träumen lassen – damals begannen gerade mal Notebooks den Massenmarkt zu erobern. Die an ihren Laptops arbeitenden Kunden machen klar, welches Klientel erwünscht ist und sie haben "unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung", heißt es in der ARTE-Doku.

Stress für Kunden zweiter Klasse

Das unbegrenzte Bleiberecht gilt an diesen dritten Orten offensichtlich nicht für jeden. Drastisch erfuhren dies zwei Afro-Amerikaner im April 2018 in einer Starbucks-Filiale in Philadelphia. Die beiden warteten auf einen weiteren Mann, mit dem sie zu einem Business-Meeting verabredet waren. Weil sie noch nichts bestellen wollten, wurden sie vom Starbucks-Filialleiter aufgefordert zu gehen. Sie weigerten sich. Wenig später wurden sie in Handschellen abgeführt.

Die Folge: ein globaler Skandal. Einen Monat später schloss der Konzern einen Nachmittag lang seine achttausend US-Filialen für ein Anti-Rassismus-Training seiner Angestellten.

Wie also können dritte Orte aussehen, die ein besseres Miteinander und neue Kommunikationsmöglichkeiten schaffen? Welche Eigenschaften sollten sie aus Sicht von Soziologen haben, um den veränderten Anforderungen unseres digitalen und mobilen Lebens gerecht zu werden?

Fünf-Punkte-Plan: Was dritte Orte sein sollten

Dritte Orte zwischen Berlin und Tokio: The Next Generation

Eines der weltweit führenden Büros für Design, das Gensler Research Institute in San Francisco, hat eine Studie über dritte Orte in Tokio verfasst. Tokio ist das Trendbarometer für viele Fragen zu modernen Trends.

Das Gensler-Team wollte wissen: Wie wird die nächste Generation der dritten Orte aussehen? Dafür analysierte es aktuelle Daten aus Bereichen wie Erwerbstätigkeit, Schlüsselindustrien, Demografie und Immobilien. Eines der spannendsten Ergebnisse: sogenannte "Immersive Leisure Hubs" als dritte Orte der Zukunft.

Abtauchen in "Immersive Leisure Hubs"

Der Begriff "immersive" ist bekannt aus virtuellen Welten von Spielen: Man taucht in etwas ein, ist darin vertieft. Im Falle der "Immersive Leisure Hubs" tauchen gestresste Menschen kurz mal ab zur Entschleunigung und tanken dabei neue Inspiration.

Denn: Im Stress des Arbeitsalltags und unter permanentem Kreativitätsdruck fällt es immer schwerer, sich Auszeiten zur Entschleunigung "zu leisten". Die "Immersive Leisure Hubs" entstehen in Kooperation mit Produzenten und Entwicklern von innovativen und experimentellen Angeboten und liegen zentral in oder an Drehkreuzen für Pendler.

Berlin: Co-Working nur für Frauen

Dritte Orte können auch etwas mit Gender-Politik zu tun haben. Gerade eröffnete in Berlin der Co-Working-Space "Wonder" nur für Frauen. In den USA ist dieses Konzept seit Jahren erfolgreich.

Frauen nehmen sich oft zurück, wenn sie unter Männern sind.

Shaghayegh Karioon, Wonder-Gründerin gegenüber Tagesspiegel

Dieser Ort schafft eine Umgebung, in der sich Gründerinnen und Managerinnen gegenseitig fördern können. Bunte Spielecken, Wickeltisch und Stillraum gibt es an diesem dritten Ort natürlich auch gegen den Stress des Multi-Tasking berufstätiger Mamas. Schließlich ist es ja ein Ort dazwischen.

Verbindet man dritte Orte zum Arbeiten bislang meist mit Bürogebäuden und Wirtschaft, werden in Deutschland jetzt auch Kommunen auf den Plan gerufen: "Städte und Gemeinden sind gut beraten, solche Third Places als neue Arbeitsorte, die zu einem anderen Miteinander zwischen Firmen, Mitarbeitern und Bürger führen, zu fördern und zu unterstützen", sagt Franz-Reinhard Habbel, Gründer des Innovator Club, in dem Kommunalpolitiker und Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenarbeiten.

Orte des Transits: Napcabs und Sleepboxes

Eine hypermobile Gesellschaft befindet sich im ständigen Transit. Sie verlagern auch verschiedenste Bereiche des privaten Lebens in den öffentlichen Raum. "Orte des Transits müssen sofort Privatheit ermöglichen", fordert deshalb das Zukunftsinstitut.

Dafür werden die dritten Orte immer multifunktionaler. Und so gibt es an Flughäfen von Moskau bis München Sleepboxes oder Napcabs mit WiFi, TV und selbst-wechselnde Bettlaken. So gehen Entschleunigung und Auszeit auch im Transit.

Updates

Bleiben Sie zum Thema Leben immer informiert.

Kraft tanken in Tempeln der Ruhe

Wer beim Stopover lieber kurz mal in die Kirche oder auf die Yoga-Matte gehen will, findet dazu an immer mehr Flughäfen den passenden Tempel. Gerade hat der Frankfurter Flughafen aufgerüstet in Sachen Entschleunigung und Auszeit vom Stress. In zwei Yoga-Räumen können sich Passagiere nach stundenlangem Sitzen wieder entfalten.

Besonders stylish lässt es sich am Frankfurt Airport in Silent Chairs mit gewölbter Rückenlehne, Schallschutzglaswänden, USB-Anschlüssen und integrierten Lautsprechern dem Stress entkommen. So ein Auszeit-Möbel wäre doch mal eine schöne Idee für Starbucks-Cafés gleich neben den Büros.

Auch interessant

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie man sie deaktiviert, können Sie unsere Cookie-Richtlinie aufrufen.

Schließen