Technik

Autonomes Fahren: Das Aus für Stundenhotels und Sightseeing-Touren?

von Marten Zabel

Selbstfahrende Autos könnten das Reisen revolutionieren – und vielleicht sogar ein zweites Zuhause sein. So manche Branche bringt das wohl in Gefahr.

Ein Paar schläft auf dem Rücksitz eines Autos.
Im Auto schlafen? Ist bislang nur als Beifahrer möglich. Autonomes Fahren allerdings könnte selbst den Fahrer zum Fahrgast machen. Foto: Shutterstock / MintImages

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum autonomes Fahren auch Designer vor neue Herausforderungen stellt
  • Wie das selbstfahrende Auto zum mobilen Büro, Wohnzimmer oder Schlafraum wird
  • Was die Revolution der selbstfahrenden Autos alles verändern könnte

Mit selbstfahrenden Autos wird der Innenraum der Fahrzeuge ganz neuen Funktionen zugeführt. Die ersten Einblicke, die Hersteller in Form von Prototypen und Konzeptfahrzeugen bieten, zeigen eine Zukunft der Technik, in der die Vorteile von Bahn und Pkw konvergieren und zu etwas gänzlich Neuem verschmelzen. Heißt, der Fahrer wird zum Fahrgast und reist in Zukunft wie in einer Limousine – oder wie in einem Nachtzug.

Wenn ein Auto nicht mehr dafür konstruiert ist, dass ein Mensch hinterm Steuer sitzt, fallen zunächst einmal Lenkrad und Pedale weg. Das schafft zusätzlichen Platz, ohne dass das Fahrzeug selbst dafür größer werden müsste.

Außerdem müssen die Passagiere nicht mehr stets die Straße im Auge behalten. Entsprechend kann das Innere des Autos aufgebaut sein wie zum Beispiel eine Lounge oder der hintere Teil eines Wohnmobils: Die Insassen können sich gegenübersitzen, drehbare Stühle haben, unterwegs etwas trinken oder essen – und sogar schlafen.

Studie: Autonomes Fahren das Aus für mehrere Branchen?

In einer gemeinsamen Studie beleuchten die Universitäten von Oxford und Surrey die Folgen eines autonomen Straßenverkehrs. Dabei kommen die Wissenschaftler zu erstaunlichen Schlüssen, die weit über die bisherigen Erkenntnisse hinausgehen.

Demnach bedrohe das selbstfahrende Auto etwa etablierte Branchen, zu denen auch das Geschäft mit Touristen gehört. Wer eine fremde Stadt erkundet, nutzt nicht selten Sightseeing-Touren. Busse, Bahnen, Limousinen und andere Fahrzeuge rollen dabei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbei. Autonome Autos könnten diesen Dienst überflüssig machen – schließlich haben die Passagiere genug Zeit, um sich vom eigenen Fahrzeug aus alles anzusehen. Informationen beziehen sie dabei aus dem Internet.

Auch die oft fälschlich als “ältestes Gewerbe der Welt” bezeichnete Branche der Prostitution könnte sich durch autonome Autos verändern. Die Forscher prophezeien, dass Stundenhotels aufgrund der Fahrzeuge ihre Daseinsberechtigung nahezu vollständig verlieren. Statt sich mit einer Dame oder einem Herren in einem solchen Etablissement zu treffen, könnte der Akt im selbstfahrenden Auto über die Bühne gehen.

Ebenfalls betroffen könnten Fluggesellschaften sein, schließlich könnten Nutzer lange Reisen ganz einfach im Auto verschlafen – während der Fahrt. Auch günstige Hotels sollen laut den Wissenschaftlern deshalb in Zukunft schweres Spiel haben.

Selbstfahrende Autos als Wohnraum

Denn schon jetzt denken viele Hersteller die Zukunft des Automobils weiter: Liegesitzen machen das autonome Fahrzeug zum Schlafwagen, Schreibtisch und Computer zum rollenden Büro. Aus Pendelzeiten könnten zukünftig Arbeits- oder Ruhezeiten werden – der Stress im Stau wird dadurch zum Relikt der Vergangenheit.

So könnten die Fahrgäste eine Menge Lebenszeit gewinnen – sowohl in Form von entspannter Freizeit als auch in potenziellen Arbeitsstunden, die nicht zwingend im Büro stattfinden müssen.

Für viele Arbeitnehmer, die heute kaum Zeit zu Hause verbringen, wird sich die Frage stellen, ob sie sich die hohen Mieten in den Städten noch antun möchten.

Das könnte dazu führen, dass die Ballungsräume weiter in die Breite wachsen: Das Einzugsgebiet von Metropolen wächst, wenn die Menschen weder auf öffentliche Nahverkehrsmittel zu ihrem Wohnort angewiesen sind noch auf der Fahrt Energie und Konzentration ins Lenken eines Fahrzeugs stecken müssen.

Wer zum Beispiel sechs Stunden am Tag im Auto verbringt, davon aber drei schläft und drei bereits als Teil seiner Arbeitszeit abrechnen kann, der hat mehr Reichweite.

Ein Mann mit Laptop auf den Knien.
Pendler kennen das Problem: Oft wird der Arbeitsweg schon zum Arbeiten genutzt. Autonome Autos wären der ideale Platz dafür. Foto: Shutterstock / iJeab

Das mobile Büro erhöht die Pendelreichweite

Die Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsplatz könnte so bei vielen Tätigkeiten größer werden, als er es heute zumeist ist. Einen Schritt weitergedacht wäre, dass einige Menschen möglicherweise ganz auf einen festen Wohnsitz verzichten würden, obwohl sie ihn sich theoretisch leisten könnten.

Was derzeit noch nach Dystopie klingt, könnte mit einem eigenen Fahrzeug mit personalisierter Ausstattung durchaus mit angenehmen Vorzügen verbunden sein. Man könnte zum Beispiel während der eigenen Morgenroutine zum Lieblingscafé chauffiert werden, dort ein Frühstück zu sich nehmen und dann im Weiterfahren den Arbeitstag beginnen. Nachts würden die Fahrzeuge dann aufgeladen und nebenbei als Zwischenspeicher für Bio-Strom agieren.

Letztlich stellt sich bei all dieser Zukunftsvision aber die Frage, wie viel Präsenz am Arbeitsplatz in der Zukunft überhaupt noch notwendig sein wird – zumal auch immer mehr Jobs durch Automatisierung wegfallen oder umstrukturiert werden.

Dennoch könnten die hochqualifizierten Software-Reparateure der Zukunft zu ihren Arbeitsstätten in vollautomatischen Mini-Wohnmobilen reisen – und das Auto wird eine völlig neue Bedeutung erhalten.

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