Leben

Beseitigt eine Raupe das Problem mit dem Plastikmüll?

von Sabrina Lieb

Eine Wissenschaftlerin aus Spanien hat eine plastikfressende Raupe entdeckt. Ist damit das Problem um Plastiktüten und anderen Plastikmüll endlich passé?

Rote Plastiktüte
Tschüss Plastiktüte: Eine Raupe könnte die Lösung für das Plastikmüll-Problem sein, oder doch nicht? Foto: aio

Das erfahren Sie gleich:

  • Sie hat Plastiktüten zum Fressen gern: In Spanien wurde durch Zufall eine plastikfressende Raupe entdeckt
  • Eine Raupe im Kampf gegen den Plastikmüll? Gegenstimmen kommen aus Mainz
  • Ideanoella hingegen mag PET-Flaschen: Auch andere Organismen zersetzen Müll

Sie hat Plastiktüten zum Fressen gern

Eine Raupe, die Plastik frisst – eine Forscherin hat in Spanien eine Art entdeckt, die den Kunststoff regelrecht zum Fressen gern hat. Nun stellt sich die Frage, ob eine Insektenlarve die Lösung für das globale Müllproblem sein kann. Doch bevor wir das genauer unter die Lupe nehmen, beginnen wir von vorn. Denn im Fall von Federica Bertochini ist die Entdeckung der plastikfressenden Raupe einer Sache geschuldet, die die Wissenschaft schon das eine oder andere Mal vorangebracht hat: dem Zufall.

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Plastikmüll einfach zersetzen lassen?

„Ich beschäftige mich beruflich eigentlich mit Hühnerembryos“, sagt die Biologin, die in ihrer Freizeit auch Bienen züchtet. Bei der Säuberung eines Bienenstocks habe sie plötzlich diese Würmchen entdeckt. Genervt habe sie diese in eine Plastiktüte geworfen – und siehe da: Nach einer Weile war der Plastikbeutel voller Löcher. Und die Larven? Auf dem Weg nach draußen.

Daraufhin begann die Wissenschaftlerin mit ihren Kollegen von der Universidad de Cantabria in Santander die Würmer zu beobachten und staunte. Das Verhalten der Larven war kein Einzelfall. Die Raupen der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) können eine Plastiktüte relativ zügig zersetzen und futtern dabei den wohl am häufigsten verwendeten und biologisch kaum abbaubaren Kunststoff Polyethylen (PE).

Rund 100 Wachsmotten-Larven können in zwölf Stunden etwa 92 Milligramm einer Plastiktüte fressen.

Vor allem in der Zersetzungsgeschwindigkeit sehen die Forscher Potenzial für bedeutende biotechnologische Anwendungen. Rund 100 Larven der Wachsmotte können in zwölf Stunden etwa 92 Milligramm einer handelsüblichen Plastiktüte fressen. In Tests konnten die Forscher feststellen, dass bereits nach 40 Minuten Löcher zu sehen waren.

Bertocchini vermutet, dass für diese schnelle Zersetzung ein Molekül oder Enzym verantwortlich ist, das sie nun versucht, zu isolieren. Sollte dieses Enzym in großem Umfang zu produzieren sein, so könnte man es nutzen, um Plastikmüll abzubauen – Visionen einer Wissenschaftlerin.

Löst eine Raupe das Müllproblem?

An die plastikfressende Raupe knüpfen sich viele Hoffnungen: Wenn sich eine Raupe an Unmengen Plastik satt fressen und damit eine nicht unerhebliche Menge an Plastikmüll eliminieren kann, wäre ein Teil des Müllproblems bereits gelöst.

So weit so gut. Diesem Wunschbild erteilt ein Forscherteam aus dem Rhein-Main-Gebiet nun jedoch eine vorläufige Absage. Das Team um Professor Dr. Till Opatz von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz hat den Versuchsaufbau der Originalstudie noch einmal genauer ins Visier genommen.

In einem Kontrollexperiment nahmen sie vor allem einen Aspekt der Arbeit von Bertocchini unter die Lupe. Denn um ihren ursprünglichen Fund – die Larve fresse Löcher in Plastik – wissenschaftlich zu untermauern, hatte das spanische Forscherteam einen Polyethylen-Film mit Raupenhomogenisat behandelt.

Bei dem Raupenhomogenisat werden gefrorene Raupen zerstoßen, so dass eine eiweiß- und fetthaltige Masse entsteht.

Homogenisat ist ein biologisch aktiver Gewebebrei, der durch Feinstzerkleinerung – also Homogenisierung – frischen Gewebes in Homogenisatoren (also beispielsweise Zentrifuge, Mörser oder Mahlwerk) entsteht. Bei dem Raupenhomogenisat werden gefrorene Raupen zerstoßen, so dass eine eiweiß- und fetthaltige Masse entsteht. Die Verdauungsenzyme der Tiere bleiben jedoch intakt. Bei dieser Methode entstand – so die originalen Forschungsergebnisse – ein Stoff namens Ethylenglycol, also ein mögliches Spaltprodukt des Kunststoffs.

Genau hier setzt die Kritik des Mainzer Forscherteams an: Für sie ist der Nachweis des chemischen Stoffes, der übrigens auch unter dem Namen Glysantin in Frostschutzmitteln für Verbrennungsmotoren zu finden ist, schlicht unzureichend. Bei ihrer Beweisführung stützen sich die Mainzer auf Ei und Hack. Denn bei diesen beiden Lebensmitteln weist die Infrarot-Spektroskopie ein ähnliches Spektrum auf wie beim Raupen-Muß – Ethylenglycol enthalten sie aber nicht. „Andere Signale, die für den eindeutigen Nachweis von Ethylenglycol besonders wichtig sind, fehlten hingegen."

Auch andere Organismen bauen Kunststoffe ab

Inwieweit die plastikfressende Raupe aus Spanien mit dem jüngsten Gegenargument aus Mainz auch in Zukunft ein Hoffnungsträger im Kampf gegen Plastikmüll sein wird, bleibt erstmal ungewiss. Übrigens: Auch andere Organismen wie Pilze oder Bakterien sind bekannt dafür, dass sie Kunststoffe abbauen können.

Erst 2016 wurde am japanischen Kyoto Institute of Technology ein Bakterium namens Ideanoella sakaiensis 201-F6 entdeckt, das PET-Flaschen verdauen kann. Doch wie alle anderen entdeckten Plastikfresser ist auch dieses Bakterium noch weit davon entfernt, das Müllproblem in dieser Welt zu lösen. Am Ende schafft es vielleicht dann doch nur einer: der Mensch.

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