Technik

Autonomes Fahren: Steht die Wende in der Mobilität bevor?

von Peter Michaely

Der ADAC sieht selbstfahrende Autos erst in Jahrzehnten zu 100 Prozent autonom fahren. Andere Beobachter des Marktes rechnen schon viel früher damit.

Fahrzeuge im Stau auf einer Schnellstraße
Was passiert, wenn der gesamte Verkehr in Zukunft nur noch autonom unterwegs ist? Dieser Frage versuchen Forscher in aller Welt auf den Grund zu gehen. Foto: Shutterstock / All About Space

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie die Strategieberatung von PwC Deutschland die Zukunft des autonomen Fahrens beurteilt
  • Wo die Beraterfirma Arthur D. Little (ADL) die Chancen von Roboterautos einordnet
  • Welche Gefahren Kritiker bei der Beurteilung der Zukunft autonomer Autos sehen

Strategy&, das deutsche Strategieberatungsteam der international tätigen Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, nimmt kein Blatt vor den Mund. Im siebten "Digital Auto Report", der jährlich veröffentlicht wird, sprechen die Marktbeobachter davon, dass sich eine "Revolution der Mobilität" abzeichne.

Die globale Studie über die digitale Zukunft der Mobilität und des autonomen Fahrens wertet die Tendenzen auf den wichtigen Märkten USA, Europa und China aus. Resümee: Die Hersteller müssten beginnen, ihre Claims bei Roboterautos abzustecken.

Selbstfahrende Autos vor dem Durchbruch?

Große Worte, denn noch reagiert die Öffentlichkeit auf Meldungen der Polizei von schweren Unfällen mit autonomen Autos sensibel. Ein Beispiel: Erst im März 2018 überrollte ein autonomer Wagen des amerikanischen Unternehmens Uber im US-Bundesstaat Arizona eine Frau und verletzte sie tödlich.

Das weltweite Medienecho auf diesen Unfall war gewaltig. Auch Elektroauto-Pionier Elon Musk war mit den Fahrzeugen seines Unternehmens Tesla bereits in tödliche Unfälle verwickelt.

Mensch oder Roboter: Wer fährt sicherer?

Angesichts der enormen Datenmengen, die beim autonomen Fahren sicher verarbeitet und geschützt werden müssen, stellt sich die Grundfrage, wer unter welchen Bedingungen sicherer fährt: der Mensch als Fahrer oder das autonome Fahrzeug?

Renommierte Stauforscher wie Professor Dr. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen haben nachgewiesen, dass Menschen sich auf der Straße nicht in allen Situationen kooperativ verhalten. Deshalb gibt es Ansätze, den Faktor Mensch im Fahrzeug künftig zurückzudrängen, zum Beispiel durch intelligente Abstandsregler - als Vorstufe zum Fahren ohne Fahrer, wenn man so will.

Selbstfahrende und konventionelle Autos im Mischverkehr

Forscher wie Michael Schreckenberg gehen davon aus, dass wir noch auf viele Jahre hinaus Mischverkehre zwischen selbstfahrenden Autos und solchen mit Menschen hinter dem Lenkrad auf öffentlichen Straßen haben. Wenn sie interagieren, kann das im Extremfall sogar Behinderungen verursachen.

Ein Beispiel: Selbstfahrende Autos müssen alle Verkehrsregeln zu 100 Prozent einhalten. Wo ein menschlicher Fahrer vielleicht nach eigenem Ermessen eine durchgezogene Linie überfährt, bleiben fahrerlose Autos in der Spur.

Verekehrskollaps auf einer gut ausgebauten Straße in der Stadt.
Autonome Autos könnten das Verkehrschaos in Zukunft auflösen. Doch zuvor ist es wahrscheinlicher, dass sie es noch weiter verstärken. Foto: Unsplash/Jens Herrndorff

Das Vertrauen in Roboterautos ist bereits groß

Selbstfahrende Autos konfrontieren menschliche Fahrer also unter Umständen mit Reaktionen, mit denen diese nicht rechnen. Viel Forschungsarbeit und eine einheitliche rechtliche Grundlage sind also nötig, um die Abläufe zu koordinieren.

Laut Digital Auto Report ist das Vertrauen in autonom fahrende Autos dennoch bereits heute groß: Laut Studie sind 79 Prozent der Chinesen dazu bereit, auf das eigene Auto zu verzichten, wenn Robotertaxis zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung stehen. 47 Prozent der Europäer und 38 Prozent der US-Amerikaner wären dann ebenfalls zum Verzicht auf das eigene Fahrzeug bereit.

PwC geht zudem davon aus, dass schon bis etwa 2022 alle neuen Autos miteinander vernetzt sind. Bereits ab 2021, so die Prognose, sind die ersten autonomen Fahrzeuge nach Level 4 (vollautomatisiertes Fahren) für spezielle Einsatzzwecke auf den Straßen unterwegs.

Studie belegt die Problematik von Mischverkehren

Genau diese Wechselwirkungen zwischen selbstfahrenden Autos und solchen mit Fahrern am Steuer hat auch die Beratungsfirma Arthur D. Little (ADL) untersucht. Ergebnis: Durch Roboter-Autos ließe sich die Straßenkapazität verzehnfachen.

Ist nur die Hälfte der Fahrzeuge autonom unterwegs, so ADL, wird die Kapazität von Straßen um 23 Prozent schlechter ausgenutzt. Würden hingegen 100 Prozent autonom fahren, stiege sie explosionsartig um das Zehnfache. Staus in Städten würden dramatisch reduziert, während sie beim Mischverkehr von autonomen und konventionellen Fahrzeugen mit Fahrern am Steuer viel häufiger vorkämen.

Simulation anhand von Kreuzung in Frankfurt/Main

ADL hat seine Simulation bezüglich selbstfahrender Autos anhand einer wichtigen Kreuzung in Frankfurt am Main durchgeführt. Den Kreuzungsverkehr an dieser fünfspurigen Hauptverkehrsader kontrolliert eine Ampel. Die Durchführung der Simulation erfolgte zu 100 Prozent mit menschlichen Fahrern, in einem 50 zu 50-Verhältnis zwischen menschlichen Fahrern und Roboterautos und zu 100 Prozent mit selbstfahrenden Autos.

Fuhren alle autonom, stieg der Durchsatz an der Ampel bei Grün von 43 auf über 500 Autos. Trotz des beeindruckenden Ergebnisses ist das Echo auf die ADL-Studie zwiegespalten. Denn damit es erreicht werden kann, müsste das Fahren mit menschlichen Fahrern am Steuer ausdrücklich verboten werden - ein Szenario, das manche Experten äußerst kritisch sehen, auch wenn die Gefahr von Unfällen sinkt. Die Kritiker befürchten eine unzumutbare Bevormundung.

Carsharing als Markt der Zukunft

Neben dem autonomen Fahren gewinnen Carsharing-Modelle an Bedeutung. Laut Digital Auto Report wollen 74 Prozent der Konsumenten möglichst unkompliziert von A nach B kommen, wenn nötig durch die Kombination verschiedener Transportmittel. Carsharing gewinne deshalb stark an Bedeutung und entwickle sich zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Hersteller.

Eine Frau reserviert ein Auto per Carsharing
Nur noch dann mit dem Auto unterwegs sein, wenn es wirklich gebraucht wird. Dank Carsharing lässt sich das ganz einfach per Smartphone buchen. Foto: Shutterstock / CatwalkPhotos

Für 2030 gehen die Marktbeobachter von einem Marktvolumen von 1,4 Billionen US-Dollar für sogenannte Shared-on-Demand Fahrzeuge aus. 2030 sollen somit 22 Prozent des Umsatzes in der Automobilindustrie und 30 Prozent des Gewinns auf entsprechende Angebote entfallen.

China auch beim Carsharing vorn

70 Prozent der Konsumenten erwarten laut PwC künftig personalisierte Mobilitätsangebote. In diesem Zusammenhang könnten sich 70 Prozent der chinesischen Besitzer von Fahrzeugen vorstellen, mit ihrem Auto Geld zu verdienen, indem sie es über spezielle Plattformen mit anderen teilen.

Zum Vergleich: In Europa wären es nur 28 Prozent. China bleibt laut Studie auch weiterhin Schrittmacher bei der Elektromobilität: Bis 2030 soll der Anteil von Elektroautos in China 50 Prozent betragen, in der Europäischen Union 44 und in den USA 20 Prozent.

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