Gesundheit

Assistenzsysteme im Stress-Test

von Dirk Kunde

Für viele Menschen ist Autofahren purer Stress. Autonome Autos sollen ihn reduzieren und damit der Gesundheit dienen. Aber stimmt das wirklich? Wir haben es ausprobiert.

Assistenzsysteme im Stress-Test
Testfahrt mit Daten-Stirnband: Das Elektroenzephalogramm (EEG) erfasst die Gehirnaktivitäten unseres Reporters Dirk Kunde. Foto: Wolfgang Groeger-Meier

Das erfahren Sie gleich:

  • Senken Assistenzsysteme im Auto das Stress-Level?
  • Unser Reporter testet es auf der Autobahn A8
  • Arzt misst Hirnaktivitäten und Herzfrequenz des Fahrers

Das autonome Auto und die Gesundheit

Die Strecke ist perfekt. Tempolimit 80 bis 120 km/h, zähfließender Verkehr in einer Baustelle, Aufhebung des Tempolimits und natürlich Stau. Es ist Ferienzeit, und morgen haben die Bayern einen weiteren Feiertag. Genau diese Bedingungen habe ich gesucht.

Normalerweise würde ich über solchen Verkehr wie jetzt auf der A8 Richtung Chiemsee fluchen. Aber heute nicht. Heute brauche ich diese Verhältnisse für mein Experiment. Ich will wissen: Wird das Autofahren wirklich entspannter, wenn unsere Autos autonom fahren? Hilft es der Gesundheit? Hat der Fahrer weniger Stress? Okay, bis zum komplett autonom fahrenden Auto dauert es noch, aber die These lässt sich ja bereits jetzt mit einem teilautomatisierten Fahrzeug überprüfen.

Reporter misst seinen Stresslevel bei der Autofahrt
Bitte Platz lassen: Als unser Autor die Abstandskontrolle auf den geringsten Werte stellt, steigt sein Stresslevel. Foto: Wolfgang Groeger-Meier

Das EKG erfasst nicht nur den Puls

Mit so einem Auto, bei dem ich jederzeit die Kontrolle übernehmen muss, mache ich mich auf den Weg zu einem Experten. Dr. Lutz Graumann ist Sportmediziner und Director of Performance Medicine bei Tignum. Dieses globale Netzwerk hilft Führungskräften, ihre Leistungen im Job und im Alltag zu maximieren. Dazu haben die Ärzte Stress unter anderem bei Soldaten, Feuerwehrleuten und Sportlern untersucht.

Das Herz schlägt nicht so gleichmäßig wie ein Metronom.

In seiner Rosenheimer Praxis legt mir Dr. Graumann vor unserer Testfahrt Messgeräte an. Ein Elektroenzephalogramm (EEG) an der Stirn erfasst meine Gehirnaktivitäten, am linken Oberarm werden Puls und Körpertemperatur gemessen. Zusätzlich kleben zwei Elektroden auf meiner Brust. Das angeschlossene Elektrokardiogramm (EKG) erfasst meine Bewegungen, Atmung, Puls sowie die Herzratenvariabilität. “Das Herz schlägt nicht wie ein Metronom vollkommen regelmäßig, sondern hat von Schlag zu Schlag minimale Variationen in den Abständen. Diese Herzratenvariabilität ist ein gutes Maß für Herzgesundheit, Stress-Level und Belastbarkeit des Individuums”, erklärt mir Dr. Graumann.

Reporter misst seinen Stresslevel bei der Autofahrt
Experte für Stress-Messung: Dr. Lutz Graumann leitet den Bereich Performance Medicine bei Tignum Foto: Wolfgang Groeger-Meier

Fluchen zum Abbau von Stress

Jetzt aber los Richtung Chiemsee. Zunächst bleiben sämtliche Assistenzsysteme im Fahrzeug deaktiviert. Das Automatikgetriebe nimmt mir nur den Wechsel der Gänge ab. Meinen Stress beim Autofahren kompensiere ich in der Regel mit lauten Flüchen und derben Schimpfwörtern; wegen des Mediziners und des Fotografen im Auto halt ich mich heute zurück und fluche still. Wie immer fahren die anderen Autofahrer in meinen Augen unglaublich schlecht. Das ist natürlich genauso subjektiv wie mein Stressempfinden. Objektiv betrachtet, erklärt mir Dr. Graumann, reagieren wir bei Stress auf einen Stimulus von außen. Unser Nervensystem vergleicht diesen Auslöser mit Erlebnissen, die wir bereits kennen oder geübt haben. Je fremder der Eindruck, desto mehr Stress. Der Körper schüttet die Hormone Adrenalin und Cortisol aus, fährt Entzündungen und Verdauung runter, die Atemfrequenz steigt, Zucker wird freigesetzt.

Zur Gesundheit gehört Gelassenheit

Aber allmählich fließt der Verkehr wieder besser, und an die Geräte auf meiner Stirn, auf der Brust und am Oberarm habe ich mich auch schnell gewöhnt. Meine Herzfrequenz liegt bei durchschnittlich 78 Schlägen pro Minute, die Herzratenvariabilität bei 20 und der Serenity-Index meines Hirns bei 46,9 Prozent. Serenity kann man mit Gelassenheit übersetzen. Dieser Index beschreibt, wie effizient mein Gehirn arbeitet. Je höher der Prozentwert, desto gelassener werden die anfallenden Informationen verarbeitet. Das Gehirn hat noch ausreichend Kapazität für andere Dinge. Beispielsweise den Blick auf die weißen Segelboote auf dem Chiemsee. Sie markieren meinen Wendepunkt. Ich fahre von der Autobahn in den Kreisverkehr und auf der anderen Seite wieder zurück zum Start.

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Der Puls schießt in die Höhe

Doch vielleicht geht es mit Assistenten noch entspannter. Bei der nächsten Runde aktiviere ich alle Assistenzsysteme. Einmal am Hebel ziehen, und der Tempomat mit automatischer Abstandskontrolle sowie ein Spurhalte-Assistent versehen ihren Dienst. Ich muss nur noch lenken. Ultraschall, Radar und die Kamera oberhalb meines Rückspiegels erkennen das Auto vor mir. Den gewünschten Abstand zum Vorausfahrenden stelle ich in vier Stufen ein. Stufe vier ist zu viel, denn es drängeln sich laufend Fahrer von anderen Spuren in die Lücke. Mich wirft das immer weiter zurück, somit gehe ich auf Stufe eins. Das erfordert beim Bremsen des Vorausfahrenden volles Vertrauen ins System. Das scheint mir noch zu fehlen. Laut Dr. Graumann schießt mein Puls in die Höhe, als wir uns dem Stauende nähern und ich mich frage, ob der Assistent rechtzeitig bremst.

Mit Assistenzsystemen deutlich weniger Stress

Doch im Durchschnitt liegt meine Herzfrequenz jetzt nur noch bei 71 Schlägen pro Minute, meine Herzratenvariabilität fällt mit 28 besser aus, und die Temperatur meiner Haut ist knapp ein Grad niedriger. Mein Gehirn arbeitet effizienter, der Gelassenheits-Index steigt auf 68 Prozent. Meine Frage ist beantwortet: Ich fahre mit dem Assistenten entspannter. Leise geflucht habe ich über das Fahrkönnen der anderen zwar immer noch. Aber damit ist ja bald Schluss, wenn die Assistenten übernehmen.

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