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Antarktis: Ein gelöster Eisberg gibt seine Geheimnisse preis

von Carola Franzke

Aus dem Flugzeugfenster ist der abgetrennte Eisberg in der Antarktis zu erkennen
Ein Graben mitten durch die Antarktis: Der gelöste Eisberg gibt den Meeresboden frei – und ermöglicht eine Reise in die Urzeit. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Das erfahren Sie gleich:

  • Ein riesiger Eisberg hat sich gelöst und Meeresboden freigelegt, der für 120.000 Jahre unberührt war
  • In der Antarktis sind Forscher auf der Suche nach bisher unbekanntem Leben
  • Auch Analysen von Sedimentschichten im Eis ermöglichen Reisen in die Urzeit

Ein riesiger Eisberg hat sich von der Antarktis gelöst. Nun versuchen internationale Forscherteams, den unberührten Meeresboden zu erforschen.

Riesiger Eisberg in der Antarktis

Die Fläche ist mehr als doppelt so groß wie die des Saarlandes: Ein Eisberg, der von der Antarktis abgebrochen ist, hat rund 5800 Quadratkilometer Meeresboden freigelegt. Für Forscher ist das eine unglaubliche Gelegenheit, denn das freigelegte Ökosystem war rund 120.000 Jahre unberührt. Bei der aktuellen Expedition könnten auch bisher unbekannte Spezies entdeckt und erforscht werden – wie bei einer Reise in die Urzeit.

Leben im ewigen Eis entschlüsseln

Während der Reise sollen allerlei Proben gesammelt werden, um ein genaues Bild des Ökosystems zu zeichnen: Mikroben, Plankton, Sediment und Wasserproben sollen Aufschluss über Leben im ewigen Eis geben. Auch möglicherweise vorhandene Kleinstlebewesen vom Meeresboden sollen gesammelt werden.

Dazu ist ein Team unter Leitung von Meeresbiologin Dr. Katrin Linse vom British Antarctic Survey (BAS) jetzt drei Wochen lang in der Antarktis unterwegs. Das Forscherteam setzt sich aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, die Teilnehmer kommen von neun internationalen Forschungsinstituten unter anderem aus England, Deutschland und Australien.

Wir müssen schnell sein, bevor die Sonneneinstrahlung und die Zuwanderung von anderen Spezies die unberührten Regionen verändern.

Dr. Linse hofft, dass in kurzer Zeit möglichst viele Proben genommen können, denn: „Wir müssen schnell sein, bevor die Sonneneinstrahlung und die Zuwanderung von anderen Spezies die unberührten Regionen verändern.“

Unterwasseraufnahme, bei der das Licht durch die Meeresoberfläche durchkommt.
Abtauchen in die Urzeit: Der Meeresboden unter dem gelösten Eisberg muss schnell untersucht werden – bevor Sonnenstrahlen die Lebensformen dort verändern. Foto: Unsplash/ Sven Scheuermeier

Die Lehren von einem anderen gelösten Eisberg

Die Eile folgt aus einer bitteren Lehre, die aus einem anderen Ereignis dieser Art gezogen wurde. Als sich im Mai 2005 ein größerer Eisberg gelöst hatte, konnte zumindest Videomaterial produziert werden.

Eine weißliche Schicht bedeckt auf diesen Aufnahmen den Meeresboden, und es sind mutmaßliche chemotrophe Muscheln zu sehen, die ihren Stoffwechsel mit der Energie aus chemischen Reaktionen in ihrer Umwelt betreiben. Spätere Expeditionen konnten nur noch tote Muscheln und halb zersetztes Pflanzenmaterial sicherstellen.

Hilfreich für die Forscher ist das zweijährige Fischfangverbot in der Region um den neuen Eisberg, das dank eines 2016 geschlossenen Abkommens automatisch in Kraft getreten ist. Die Vereinbarung war Ergebnis einer Initiative der internationalen „Kommission zur Erhaltung der lebenden Meereschätze der Antarktis“. Mit dem Verbot kommerzieller Fischerei soll die Region möglichst unberührt erhalten bleiben.

Wie eine Reise in die Urzeit

Gelegenheiten wie die Erforschung eines 120.000 Jahre alten Ökosystems sind selten und ein Eldorado für Forscher. Manche sagen sogar, solche Momente seien die einzigen Vorteile der globalen Klimaveränderung.

Diese Art von Zeitreise zurück in die Urzeit kann man auch an anderen Stellen herbeiführen. Untersuchungen von Sedimentschichten im ewigen Eis – oder in Gesteinsschichten an anderen Orten der Welt – bieten Einblicke in klimatische Verhältnisse oder Tier- und Pflanzenwelt vor tausenden von Jahren.

Auch andernorts gibt das Eis seine Geheimnisse freiwillig preis: In Norwegen schmelzen Gletscher ab und geben Relikte von steinzeitlichen Zivilisationen preis, und in den österreichischen Alpen wurde die berühmte Eismumie „Ötzi“ im Jahr 1991 bei Tauwetter von Wanderern aufgefunden.

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