Leben

Alexas Stimmanalyse: Wenn der Sprachassistent zum Hobby-Doktor wird

von Gertrud Teusen

Alexa kann dank Stimmanalyse die Gesundheit und sogar Emotionen der Nutzer erkennen. Brauchen wir das wirklich? Oder ist das nicht sogar gefährlich?

Ein Mann sitzt auf dem Sofa und putzt sich die Nase.
Alexa wünscht "Gesundheit" – und empfiehlt gleich die passende Erkältungsmedizin. Ist das die Zukunft des Sprachassistenten? Foto: Shutterstock / fizkes

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie Alexa mithört und sich einmischt – dank neuem genehmigtem Patent
  • Wie Amazons Sprachassistent immer mehr über seine Besitzer erfährt
  • Warum die Stimmanalyse so problematisch ist
  • Wie Sie weiterhin die Kontrolle behalten

Schöne, neue Welt! Alexa-Anbieter Amazon hat in den USA ein Patent angemeldet, demnach sein Sprachassistenzssystem bald auch Krankheiten beim Kunden erkennen und für ihn passende Medikamente vorschlagen und bestellen kann. Im März 2017 hat Amazon in den USA besagten Patent-Antrag eingereicht. Etwas mehr als ein Jahr später wurde dem stattgegeben und das Patent veröffentlicht. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Künftig könnte Alexa wissen, wann Nutzer krank sind und Medikamente brauchen.

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Voraussetzung dafür sind die Mittel der Stimmanalyse, mit der Alexa erkennen kann, ob es ihrem Benutzer gut geht oder ob er sich schlecht fühlt. In der Patent-Begründung heißt es: „Stimmäußerungen wie Räuspern oder Husten lassen Rückschlüsse auf die körperliche Verfassung des Benutzers zu, ebenso wie Aufregung oder Niedergeschlagenheit beim Sprechen oder Weinen auf den seelischen Zustand schließen lassen.“

Außergewöhnliche Abweichungen vom "normalen" Sprachduktus sollen in Zukunft die stets aufmerksame Alexa auf den Plan rufen und Hilfe anbieten. Im Sinne von Amazon bedeutet das: Zielgerichtete Audio-Werbung und Promotion für Gesundheitsprodukte.

Alexa hört mit und mischt sich ein

Den Patent-Antrag für den neuen "Skill" (engl. für "Fertigkeit") von Alexa unterstützt im Originaldokument eine Zeichnung. Die Benutzerin äußert darin, dass sie Hunger hat, Husten und Schniefen unterbrechen die Aussage jedoch. Alexa springt sofort ein:

Alexa: "Soll ich ein Rezept für Hühnersuppe suchen?"
Benutzerin: "Nein, danke!"
Alexa: "Okay, ich suche etwas anderes. Aber, nebenbei bemerkt, soll ich Hustenbonbons bestellen?"
Benutzerin: "Sehr aufmerksam! Danke für die Nachfrage!"
Alexa: "Kein Problem. Die Bestellbestätigung schicke ich per Email. Gute Besserung!"

Aber aus dem Patentantrag lässt sich herauslesen, dass diese Szene nur ein kleiner, (vergleichsweise harmloser) Aspekt dessen ist, was Amazon wirklich vorhat. Alexa soll künftig emotionale und physische Veränderungen beim Benutzer heraushören, registrieren und analysieren. Das nennt sich dann "Stimmanalyse". Und mit dem dafür erteilten Patent, so befürchten Experten und Datenschützer, öffnen die Behörden die Büchse der Pandora in Bezug auf immer neuere und raffiniertere Marketingstrategien.

Ein Echo-Dot von Amazon auf einem Buch.
Der Sprachassistent als ständiger Hausgast: An die Bequemlichkeiten durch Amazons Echo gewöhnen sich Nutzer nur allzu schnell. Foto: Shutterstock / Zapp2Photo

Wie sich der Echo ins Leben schleicht

Der Echo Dot von Amazon ist ein sprachgesteuertes Gerät, das mit Alexa beispielsweise Musik abspielt, Smart-Home-Geräte steuert, auf Anfrage beispielsweise Verkehrsmeldungen zusammenstellt, Nachrichten vorliest oder Einkäufe erledigt. Das Ziel des Anbieters ist es allerdings, sein Gerät so weit zu individualisieren, dass es dem Benutzer fast so vorkommt, als ob der kleine schwarze Zylinder Gedanken lesen kann.

Im Prinzip ist es genau so. Denn das Gerät lernt ständig hinzu. Besonders achtet der Echo dabei auf die Sprache. Ist Alexa neu im Haus, muss sie zunächst einmal die Nutzerstimme im Normalzustand "kennenlernen". Die Erfahrungen zeigen,

  1. dass Dialekte nur bedingt umgesetzt werden können,
  2. komplizierte Frage-Konstrukte sollte man vermeiden,
  3. kurze klare Ansagen versteht die Sprachsteuerung am besten.

Häufig gestellte Fragen und Anforderungen

Der Sprachassistent lernt auch durch Wiederholungen. Alles, was regelmäßig abgefragt wird, rutscht im Ranking nach oben, weil das System davon ausgeht, dass diese speziellen Informationen von erhöhter Bedeutung sind. In der Hitliste rangieren ganz vorn:

  • das Wetter
  • die Verkehrslage
  • die Lieblingsmusik

Auf diese Art und Weise schleicht sich der digitale Assistent ins Leben seiner Besitzer, sodass er – wie Amazon es will – umfassende Profile seiner Benutzer erstellen kann. Das Einzige, was bislang noch fehlte, war der Zugang zum Seelenleben und zu den Stimmungslagen. Doch gerade der Gesundheits- und Wohlfühlbereich lockt mit neuen Umsätzen. Und dabei sind Gesundheitsdaten die sensibelsten Daten, die ein Mensch von sich preisgeben kann.

Eine Frau bindet sich die Schuhe zu, neben ihr steht ein Amazon Echo Dot.
Die Vorstellung, dass Alexa auch im Schlafzimmer alles mithört, scheint für viele nicht abschreckend zu sein. Foto: Amazon

Was Stimmanalyse alles kann

Emotionen lesen ... was für ein großartiges Projekt. Früher einmal ging man davon aus, dass Sprache nur in Kombination mit Mimik einen wahren Sinn ergibt. In der Tat wurde auf dem Gebiet des Erkennens von Emotionen viel geforscht – und doch sind Gefühle immer auch Stiefkinder der Forschung gewesen. Es fehlte das akkurate und neutrale Bewerten, was bei Gefühlen per se schwierig ist.

Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass die Stimme eines Menschen viel mehr über ihn verrät, als ihm bewusst und sogar lieb ist. Das Praktische daran: Stimmmuster lassen sich in Algorithmen "umrechnen" . Voraussetzung dafür ist das Sammeln von Stimmproben. Je mehr Material vorhanden ist, desto exakter lässt sich bestimmen, welche Emotionen womit verbunden sind. Und Alexa ist eine fleißige Sammlerin.

Ganz dünnes Eis! „Aus unserer Stimme kann man reichhaltige Informationen bekommen – vom Alter über die Gesundheit bis zur Emotion.“ Björn Schuller, Mit-Gründer des Emotionserkennungs-Start-ups Audeering ist sich der enormen Verantwortung, die solch sensible Informationen beinhalten, wohl bewusst. Es ist also keineswegs reine Zukunftsmusik, wenn Amazon anstrebt, aus Abweichungen zur "Normalsprache" des Benutzers Rückschlüsse zu dessen Gesundheitszustand ziehen zu können.

Damit die anschließenden Empfehlungen für freiverkäufliche Arzneimittel dann möglichst genau auf die Bedürfnisse des Nutzers zugeschnitten sind, will Amazon Alexas Analysen mit verschiedenen Nutzerdaten (wie Browserverläufen, vergangene Käufen, Schlüsselbegriffen) komplettieren.

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass ohne unser Wissen Informationen über unsere emotionalen Reaktionen gespeichert werden.

Klaus Scherer, Psychologe am Neuroscience Center der Universität Genf

Der Datenschutz lässt grüßen – zumindest hierzulande. Denn in den USA speichert Alexa schon jetzt alle Daten auf amerikanischen Servern – aber das Thema Datenschutz ist in den USA offenbar sowieso nicht so populär. Und sobald die Daten nicht mehr anonym vorliegen, sondern individualisiert sind, könnten sie leicht missbraucht werden.

Im Augenblick schätze ich die Gefahren höher ein als den Nutzen dieser Technologie.

Klaus Scherer

Amazons Lauschangriff: So behalten Sie die Kontrolle

Was alles passieren kann, wenn Menschen mit Maschinen sprechen, mag man sich gar nicht ausmalen. Dabei verändern Benutzer sehr schnell ihre Gewohnheiten – denn die Sprachassistenten machen bequem. Lebt der Mensch so harmonisch mit einen sprachgesteuerten Wesen zusammen, ist er gewillt, sich dem angebotenen Leistungsumfang der Technik anzupassen.

So kauft er etwa Geräte, die per Sprachsteuerung via Alexa funktionieren. Er beschäftigt sich dann zwangsläufig mit verschiedenen Smart-Home-Konzepten, um die Möglichkeiten optimal zu nutzen. Neue Skills finden sich in der App. Um einen Alexa-Skills zu starten, muss Alexa aber explizit dazu aufgefordert werden. Andere Fähigkeiten müssen Nutzer explizit ausschalten, um die Kontrolle über die Sprachsteuerung zu behalten.

Alles, was man nicht will, explizit ausschließen

Ein Beispiel: Ab Werk kann der Amazon Echo Produkte über das Netz bestellen. Möchte ein Nutzer das nicht, muss er die Einstellung verändern:

  • in den Einstellungen "Spracheinkauf" suchen
  • bei den Optionen das Online-Shopping abstellen
  • alternativ lässt sich das Shopping auch mit einem PIN-Code versehen

Alexa Einhalt gebieten

Es soll Situationen geben, in denen sich Mensch und Maschine nicht so gut verstehen. Die Maschine möchte nämlich klare Ansagen – und dafür ist der Mensch manchmal einfach zu kompliziert. Wenn Alexa mal wieder gar nichts versteht oder aus Versehen anspringt, bringt man sie nur mit einem Sprachbefehl "Alexa Stopp" zum Schweigen. Im Internet gibt es Listen zu gängigen „Sprachbefehlen“. Die sind für Neueinsteiger Pflichtlektüre.

Aus der Physik wissen wir: Ein Lautsprecher ist immer auch ein Mikrofon. Auch wenn der Echo immer zuhört, wartet er eigentlich nur auf sein Codewort. Wer ungestört plaudern will, der kann eine Stumm-Taste drücken. Dann leuchtet der Ring am Rand rot. Erst nach erneutem Drücken der Taste hört Echo wieder aufs Wort.

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Übrigens: Wer seinen Sprachassistenten umtaufen will – um etwaige Verwechslungen mit dem Mann Alex oder der Tochter Alexa zu verhindern – der kann zwischen "Amazon", "Echo" und "Computer" wählen. Die Auswahl ist also begrenzt. Und mit Kindern sollte das Einsatz von smarten Lautsprechern wie Alexa sowieso überdacht werden.

Die gute Nachricht für Datenschützer ist allerdings: Bis das in den USA genehmigte Patent zur Gesundheitsvorsorge via Amazon auch hierzulande ankommt, wird es noch dauern. Eine Daterschutzgrundverordnung wirkt da schon irgendwie beruhigend.

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