Gesundheit

Abstinenz: Acht Monate alkoholfrei leben – so klappt's

von Michaela Gerganoff

Abstinenz im Selbstversuch: Autorin Susanne Kaloff hat acht Monate alkoholfrei gelebt, weil sie rausfinden wollte, wie das Leben nüchtern schmeckt.

Eine junge Frau mit stark tätowiertem Arm hält lächelnd eine Flasche mit Mineralwasser
Alkoholfrei leben mit Mineralwasser statt Mixgetränken: Die Sobriety-Bewegung erreicht Deutschland. Foto: CC0: Unsplash/Brooke Cagle

Das erfahren Sie gleich:

  • Ein neuer Trend kommt aus Amerika nach Deutschland: die Sobriety-Bewegung feiert die Abstinenz und das nüchterne Leben.
  • Einfach aufhören und alkoholfrei leben: Wie schwierig ist das?
  • Im Interview erzählt Buchautorin Susanne Kaloff von ihrem Selbstversuch.

Abstinenz ist keine Selbstkasteiung

Alkoholfrei leben: Mitten in der Fastenzeit schwappt die Sobriety-Bewegung aus den USA auch nach Deutschland: Es geht um Gesundheit, Abstinenz und noch viel mehr. Nämlich darum, das Leben ohne betäubende Substanzen intensiver zu spüren und zu feiern, etwa bei den alkoholfreien Partys oder Dinner Events. Die Autorin Susanne Kaloff berichtet in ihrem Buch "Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend" (FISCHER Verlag, 14,99 EURO) von ihrer Zeit ohne Alkohol. Mit aio spricht sie über ihre Erfahrungen.

Mit Alkohol aufhören – eine freie Entscheidung

aio: Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, nichts mehr zu trinken?
Susanne Kaloff: Bei einem Abend mit Freundinnen. Da merkte ich plötzlich, wie schnell man das nächste Glas bestellt. Wieso eigentlich? Wir unterhalten uns so schön, alles ist perfekt, daran ändert sich doch nichts, wenn ich statt Wein Wasser trinke.

Es war wie eine Eingebung. Wenn man die Entscheidung „Ich will nichts mehr trinken“ aus einem Kater heraus trifft, dann ist sie mit einem schlechten Gewissen verbunden, aber es war eine bewusste und freie Wahl: Ich wollte einfach wissen, wie es ist, nichts mehr auf die Realität draufzuschütten.

Es war eine größere Sehnsucht, tiefer zu gehen.

Hatten Sie sich einen bestimmten Zeitraum vorgenommen, in dem Sie alkoholfrei leben wollten?
Gar nicht, ich hatte ja auch die Idee zum Buch noch nicht. Vorher hatte ich öfter schon mal 40 Tage lang nichts getrunken – das ist eine besondere Zahl im Yoga: Nach 40 Tagen kann man Gewohnheiten loslassen. Aber so war es diesmal nicht. Es war eine größere Sehnsucht, tiefer gehen zu wollen.

Wie waren dann Ihre Erfahrungen in Gesellschaft?
Anfangs merkt das keiner, dann kommt: „Ach, trinkst du heute nichts?“ Oder: „Detoxt du?“ Aber umso mehr Zeit verging, desto mehr fiel es auf. Manche Leute haben gar nicht nachgefragt, es fast ignoriert. Aber mir fiel auf, dass gerade jene, die nichts kommentiert haben, umso lauter riefen: “Ich lass mir das bisschen Spaß im Glas doch nicht verderben!“ Dabei habe ich nie missioniert oder jemandem etwas verderben wollen. Klar, blöde Sprüche von Männern gab es auch.

Allein dadurch, dass ich nichts trank, konfrontierte ich mein Gegenüber mit dem eigenen Konsum.

Wie erklären Sie sich diese Reaktion?
Allein dadurch, dass ich nichts trank, konfrontierte ich mein Gegenüber mit dem eigenen Konsum. Verstörend war für mein Umfeld vielleicht auch, dass ich beim Verzicht fröhlich war. Aber ich kann Unmut über meine Abstinenz ein bisschen verstehen, früher wollte ich auch keine Freundin haben, die nicht mittrinkt. Fand ich doof und langweilig, das gebe ich zu.

Alkoholfrei leben als Buchidee

Wie entstand dann die Buchidee?
Ich wollte einem Magazin vor Weihnachten eine Geschichte zum Sobriety-Movement aus New York anbieten, was abgelehnt wurde, weil ein Party-Special geplant war. Dann dachte ich: Das Thema ist so viel größer als nur eine Geschichte. Und jetzt – ein Jahr später – ist das Interesse groß. Manche Themen brauchen einfach ihre Zeit und den richtigen Moment.

Woher kommt dieser Sobriety-Trend?
Aus der Yoga-Szene und wenn man – wie ich – dafür offen ist, bekommt man das mit. Wir ernähren uns alle irre gesund, machen Sport, aber Alkohol schien bisher immer eine gewisse Immunität zu haben. Das amerikanische Online Magazine Well+Good rief Soberness sogar zum Wellnesstrend 2017 aus.

Und wie erging es Ihnen?
Es gab einen innerlichen Prozess: Von schwindelerregend berauscht von mir selbst bis tieftraurig. Ich habe mich mit der Zeit stark zurückgezogen, meinen Fernseher verkauft, mich wenig verabredet und alle sinnlichen Sachen infrage gestellt, es ging alles in eine zu starke Askese-Richtung.

Die Schattenseiten der Abstinenz

Das wurde ausgelöst durch das Nicht-Trinken?
Ja. Und das Nicht-Teilnehmen an der Gesellschaft. Dazu kam, dass ich niemandem erzählt habe, wovon mein Buch handelt – ich habe alles mit mir selbst abgemacht und mich unglaublich zugemacht. Das war wie ein Festhalten, weil ich mich nicht austauschen konnte, weder Zweifel, Höhen, Tiefen noch meine Ambivalenz teilen konnte. Das führte zu Schulterschmerzen und Zähneknirschen.

Was ist dann geschehen?
Ich musste also rausfinden, was ich unterdrücke und ob ich überhaupt was unterdrücke, oder wirklich kein Interesse mehr an Alkohol habe. Und einen Weg finden, dennoch wieder mehr am Leben teilnehmen zu können. Also lockerte ich am Ende des Buches meinen Selbstversuch und gestatte mir, immer dann etwas trinken zu können, wenn ich wirklich Lust darauf habe. Das Interessante war: Ich hatte kaum Lust dazu. Und nur für die Anderen trinken, ist ja auch doof.

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Ich finde es unglaublich schön, klar zu sein.

Das Buch haben Sie nach acht Monaten alkoholfrei Leben beendet. Trinken Sie jetzt wieder etwas?
Ich habe acht Monate lang keinen Tropfen getrunken. Danach testweise einen Schluck Rotwein oder Bier probiert, aber es ging nicht mehr. Alkohol tut heute, nachdem ich seit fast anderthalb Jahren nicht mehr trinke, absolut nichts mehr für mich! Also lasse ich es bleiben. In sehr raren Momenten stoße ich mal mit Freunden an, aber mehr als ein Nippen ist es nie. Es soll kein Dogma sein, ich möchte im Moment entscheiden. Das bedeutet für mich Freiheit und Unabhängigkeit.

Vielleicht gibt es auch mal wieder Gelegenheiten, an denen ich anders denke. Aber es fehlt mir nichts, weder der Geschmack, noch die Wirkung, selbst den Geruch mag ich nicht mehr. Ich finde es unglaublich schön, klar zu sein. Ich möchte noch nicht mal einen kleinen Schwips haben.

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