Leben

10 Tipps gegen Zeitmanagement – und für mehr Zeitwohlstand

von Dr. Kai Kaufmann

Sie haben keine Zeit? Dann sollten Sie sofort aufhören mit dem Zeitsparen! Denn statt Ruhe schafft es nur noch mehr Druck, sagen Zeitforscher.

Sand rinnt durch die Hände einer Frau.
Zeit ist eines der wichtigsten Güter überhaupt. Damit es uns nicht wie Sand durch die Finger rinnt, sollten wir mit dem Zeitsparen aufhören! Foto: Unsplash/Ben White

Das erfahren Sie gleich:

  • Wieso Optimierung und Multitasking keinen Zeitwohlstand schaffen
  • Weshalb Zeitmanagement oft nur zu noch mehr Zeitdruck führt
  • Wie innerer Optimierungsdruck Zeit stiehlt
  • Wie Sie wieder mehr Zeitwohlstand in Ihr Leben bringen

So sehr Sie auch Profi in Sachen Zeitmanagement sein mögen: Die üblichen Rezepte zum Zeitsparen werden das Problem mit dem ständigen Zeitdruck nicht kleiner machen. Im Gegenteil. Zeitmanagement und Selbstmanagement führen unreflektiert nur zu einer ungebremsten Beschleunigungsspirale. Denn nicht Zeitmangel und Zeitdruck sind das Problem. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Zeitkultur mit mehr Zeitwohlstand, fordern Experten.

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Einen Schritt in diese Richtung hat jetzt Birkenstock-Chef Oliver Reichert angekündigt. Er wird sein Smartphone abschaffen. "Das Smartphone ist eine reine Zeitklau-Maschine", sagte er Ende August 2018 der Süddeutschen Zeitung. Andere Konzerne wie BMW, Daimler und Telekom schränken die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter bereits ein.

Optimierung und Multitasking schaffen keinen Zeitwohlstand

Was hinter unserem Problem mit der Zeit steht, ist allerdings tiefgreifender: Der Mensch hat heute als Mängelwesen nahezu ausgedient. Immer weniger akzeptieren wir vermeintliche Defizite in unserer "Performance" und unserem Sein. Entsprechend schnell wollen und müssen wir uns optimieren, jederzeit sofort reagieren und immer bessere Leistungen beim Multitasking liefern.

Den Takt dieser immer rasanteren individuellen Effizienzsteigerung und Selbstoptimierung geben die neuen Technologien vor.

Beispiel 1: Hunderte Self-Tracking Apps

Apps vermessen uns in jedem Lebensbereich: unsere Finanzen, gewählte Beförderungmittel, unsere Fitness. Hunderte Time-Tracking-Apps allein für das iPhone erfassen, wie wir unsere Zeit verbringen – Stempelkarten-to-Go quasi.

Eine Fitness-App auf einem Smartphone.
Selbstoptimierung: Immer mehr Apps geben uns das Gefühl, uns mehr und mehr steigern zu müssen – ob beim Sport, bei der Arbeit oder in unseren Beziehungen. Foto: Shutterstock / Jacob Lund

Beispiel 2: Fix wie ein Rechner arbeiten

In der Zukunft soll unsere Arbeitswelt die Geschwindigkeit von Computern annehmen, prognostiziert der Trend-Forscher Sven Gabor Janszky.

Beispiel 3: Synchrones Arbeiten fürs Multitasking

Mit Rechner, Smartphone und Tablet arbeiten wir an zig Baustellen gleichzeitig, selbstredend mobil, oft über das Limit eines „normalen“ Arbeitstages hinaus.

Zeitmangel entsteht mit dem Zeitsparen.

Prof. Karlheinz Geißler

Zeitmanagement schafft noch mehr Zeitdruck

Mit all dieser Gleichzeitig- und Grenzenlosigkeit meinen wir Zeit zu sparen. Doch das Prinzip Zeitsparen wird niemals aufgehen, meint Prof. Karlheinz Geißler, einer der wichtigsten deutschen Zeitforscher. Schließlich gebe es keinen Nachtragshaushalt für Zeit. "Zeitmangel entsteht mit dem Zeitsparen", bringt Geißler das Paradox auf den Punkt.

Das Ganze folgt einem marktwirtschaftlichen Prinzip. "Wir sparen immer mehr Zeit, machen sie dadurch immer wertvoller. Und weil sie immer wertvoller wird, muss sie immer mehr gespart werden. Deshalb haben wir immer mehr Zeitdruck und Zeitmangel", erklärt der emeritierte Wirtschaftspädagoge. Das Ergebnis: eine Zeitmangelgesellschaft mit Zeitknappheit als Statussymbol. Verkehrte Welt.

Gesundes Arbeiten und Leben lässt sich auch nicht automatisch mit mehr Zeitsouveränität durch Home Office, Arbeitszeitkontenten und Co. realisieren. Es braucht dafür eine gesunde innere und äußere Zeitkultur als Basis.

Der Fokus auf Effizienz verhindert, dass wir in den Flow kommen.

Wissenschaftsredakteur Steve Ayan

Gestohlene Zeit: Innerer Optimierungsdruck

Fehlt diese gesunde Zeitkultur, geht die Beschleunigungsspirale mit Multitasking, Mobilität und Selbstoptimierung auf das Konto der Menschen selbst. Ein Blick in die Statistiken der Krankenkassen zeigt, wie diese aussehen können. Psychische Erkrankungen von Depressionen bis zum Burnout führen Jahr für Jahr – mal auf Platz 1, mal auf Platz 2 – die Liste von Ursachen krankheitsbedingter Arbeitsausfälle an.

Die vielleicht wichtigste Rolle spielt dabei der eigene, zeitgetriebene Leistungsanspruch. Ob beruflich, privat oder die eigene Persönlichkeit betreffend. "Der Fokus auf das Ich, auf Effizienz und Kontrolle, verhindert, dass wir in den Flow kommen und Glücksmomente empfinden", erklärt Psychologe und "Gehirn und Geist"-Redakteur Steve Ayan gegenüber Spiegel Online.

Eine Frau im Badeanzug genießt das Baden im Badesee.
Kein Zeitmanagement, kein Zeitdruck: Zwischen schnellen Phasen braucht der Mensch immer auch ruhige Phasen für die Erholung. Foto: Shutterstock / Jacob Lund

Doch wie sähe diese neue Zeitkultur als gesünderer Weg aus? Was bedeutet Zeitwohlstand konkret? Einfach mehr Zeit? Zeitforscher Geißler zitiert Heidegger: "Die Zeit ist die Abfolge des Jetzt". Wenn wir das Jetzt, den Moment, vor lauter Zeitnot nicht erleben, geht uns tatsächlich die Zeit verloren. Zeitwohlstand bedeutet vor allem, den Moment bewusst erleben. Multitasking ist also die krasse Gegenstrategie zum Glücklichsein.

Wesentliche Prinzipien für mehr Zeitwohlstand

Was also können wir tun, für mehr Zeitwohlstand? Drei Grundsätzen sollten wir dafür folgen:

  1. Zeit als erweiterter Wohlstandsbegriff: Wir sind oft reich an Gütern, Geld und Status, während Zeit das viel wertvollere Gut ist. Entwickeln Sie eine Kultur des Zeitwohlstands
  2. "Vielzeitig" leben: In einen gesunden Alltag gehören Phasen unterschiedlicher Taktung – schnellere und ruhigere – Letzteres ohne Multitasking, versteht sich
  3. Den Moment bewusst erleben: Echtes "Erleben" und Glücksmomente sind nur so möglich

Zehn praktische Tipps für mehr Zeitwohlstand

Wie Sie nach Prof. Karlheinz Geißler für mehr Zeitwohlstand in Ihrem Leben sorgen können:

  • Verrechnen Sie Zeit nicht immer in Geld
  • Investieren Sie nicht die gesamte gewonnene Zeit in neue Aufgaben und weitere Beschleunigung
  • Setzen Sie Maßstäbe für ein "Genug". Optimieren Sie nicht grenzenlos, weder Ihre Arbeit noch sich selbst
  • Pflegen Sie Routinen und Rituale – das entlastet und stabilisiert
  • Alles hat seine Zeit. Geben Sie den Dingen die Zeit, die sie brauchen
Eine Sanduhr, die halb durchgelaufen ist.
Zeitdruck und Stress lassen die Zeit immer schneller vergehen. Foto: Unsplash/NeONBRAND
  • Qualität benötigt Langsamkeit, Kreativität und Innovation brauchen Umwege. Planen Sie Pausen und ruhige Zeiten in Ihre Arbeit und auch in Ihre Freizeit ein
  • Beschleunigung und Flexibilität benötigen Stabilität. Sorgen Sie für Stabilität in allen Lebensbereichen
  • Gestalten Sie bewusst Übergangszeiten, definieren Sie klare Anfänge und Abschlüsse Ihrer Aufgaben, Projekte und Tätigkeiten
  • Wenn Sie etwas beschleunigen, legen Sie auch fest, was Sie mit der frei gewordenen Zeit tun werden. Nutzen Sie diese nicht automatisch, um sie mit neuen Aufgaben zu füllen
  • Das Wichtigste zum Schluss: Hören Sie auf, Zeit zu sparen

Meditationsübung: Den Moment wahrnehmen

Eine Möglichkeit, das bewusste Wahrnehmen des Momentes zu trainieren, ist Meditation bzw. Achtsamkeitsmeditation. Meditation bedeutet letztlich "im Moment sein". Zu wenig Zeit gilt übrigens nicht als Ausrede. Denn eine alte Weisheit lautet: Wer keine Zeit zum Meditieren hat, der sollte doppelt so lange meditieren.

Eine ganz einfache Übung, die Sie immer und überall anwenden können: in der Konferenz, auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn, im Flieger auf Geschäftsreise oder – jetzt. Schon eine Minute passt.

  • Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung
  • Am besten schließen Sie Ihre Augen – aber es funktioniert auch mit offenen Augen, falls die Situation es nicht anders erlaubt
  • Greifen Sie nicht ein. Beobachten Sie zunächst nur
  • Spüren Sie wie der Atem beim Einatmen in Ihre Nasenlöcher fließt und sie mit dem Ausatmen wieder verlässt
  • Wenn Ihre Gedanken Sie ablenken, lenken Sie Ihre Konzentration einfach wieder auf die Atmung. Die Ablenkung ist völlig normal und wird immer wieder auftreten
  • Wenn Sie sich des Abdriftens Ihrer Gedanken bewusst werden, ist dies bereits Meditation
  • Spüren Sie wie sich der Atem in den Nasenlöchern anfühlt – vielleicht kühl, feucht, angenehm...
  • Lassen Sie den Atem fließen und spüren Sie, wie sich diese Energie in Ihrem gesamten Körper ausbreitet und Anspannung Ihren Körper verlässt
  • Schließen Sie diese Meditation ab. Spüren Sie noch einen kurzen Moment nach, wie sich das jetzt anfühlt

Oft können wir in minimaler Zeit echten Zeitwohlstand schaffen. Weniger Stress und mehr Glücksmomente inklusive. So bleiben Sie auch in einer immer schneller werdenden Welt stabil.

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